Neuinszenierung
des Brandner
Kaspar am
Münchner Volkstheater
Ursprünglich stammt die Geschichte des Brandner Kaspars von Franz Ferdinand von Kobell (1803-1882). Sie umfasst nur wenige Seiten und erzählt von einem Büchsenmacher am Tegernsee, den der Tod holen will. Die Erzählung wurde mehrfach dramatisiert und auch mit Carl Wery und Paul Hörbiger verfilmt. Kurt Wilhelm, ein Urgroßneffe Kobells, schrieb 1974 eine Bühnenfassung, die am 7. Januar 1975 am Bayerischen Staatsschauspiel unter Intendant Kurt Meisel Premiere hatte. Bis zur Spielzeit 2001/2002 trat in mehr als 900 Aufführungen der unlängst verstorbene Toni Berger in der Rolle des Boandlkramers auf. Eine Programmlinie des Münchner Volkstheaters widmet sich Stoffen, die im Bayerischen beheimatet sind, wie der Geierwally und dem Räuber Kneißl - und jetzt dem Brandner Kaspar. Schon seit Längerem waren Kurt Wilhelm und Christian Stückl wegen des Brandner Kaspar im Gespräch. Anfang 2005, nachdem die Geierwally abgespielt war, einigten sie sich schließlich auf eine Neuinszenierung am Münchner Volkstheater. "Ganz anders als im Jedermann wird im Brandner Kaspar die ewige Angst des Menschen vor dem Tod mit Witz und Ironie behandelt", sagt Christian Stückl. Ebenfalls habe ihn eine Neuinszenierung des Stoffes in Zusammenarbeit mit den Riederinger Musikanten gereizt. Wie schon beim Jedermann in Salzburg hat sich Christian Stückl bewusst dazu entschieden, den Tod mit einem jungen Schauspieler zu besetzen. Den Boandlkramer wird Maximilian Brückner spielen, der zuletzt als Räuber Kneißl am Münchner Volkstheater zu sehen war, bei den Salzburger Festspielen den Mammon im Jedermann gespielt hat und im Kino bekannt wurde mit dem Film Männer wie wir. In der Titelrolle wird Alexander Duda zu sehen sein. Als Porter wird Peter Mitterrutzner besetzt, der ebenfalls dem Münchner Volkstheater schon lange verbunden ist. Markus Brandl spielt Simmerl, Florian Brückner die Figur des Florian, Ursula Burkhart spielt Therese und Hubert Schmid spielt den Erzengel Michael. Regie: Christian Stückl ; Bühne: Alu Walter ; Kostüme: Ingrid Jäger ; Premiere: 7. April 2005 Pressemitteilung Münchner Volkstheater, 22. Februar 2005 Premiere am 7. April 2005
Der
Brückner'sche Boandlkramer ist eine wuide "Mischung aus
Pumuckl, Marilyn Manson und Gollum"
Maximilian Brückner lacht: "Überhaupt nicht. Mein Vater ist Rechtsanwalt. Aber vor meinem eigentlich geplanten Medizin-Studium hat mir meine Mutter 50 Mark für die Aufnahme-Prüfung an der Falckenberg-Schule in die Hand gedrückt und gesagt: Probier's doch mal." Sie sollte Recht behalten: Maximilian wurde - unter anderem mit einem Text aus dem weihnachtlichen Hirtenspiel, das er schon seit seiner Kindheit kennt - nach dem Vorsprechen angenommen (und Insider wissen, wie hoch diese Hürde ist). "Und jetzt also der Boandlkramer. Wie wird er denn aussehen?" Brückner lacht: "So viel kann ich Ihnen sagen: ganz anders als Toni Berger. Und: meine eigene Mutter würde mich nicht wiedererkennen." Rolf May, Abendzeitung, 2. April 2005 ![]() Einmal Fegefeuer und zurück - Christian Stückl über den neuen "Brandner Kaspar" am Volkstheater und die eigene Angst vorm Sterben Es ist das Volksstück schlechthin, Klassiker und Mythos zugleich - wer sich an ihm versündigt, darf nicht auf Gnade hoffen. Volkstheater-Intendant und Regisseur Christian Stückl, 42, bringt am 7. April einen neuen "Brandner Kaspar" heraus. Nach über 900 Aufführungen des Stücks im Residenztheater und dem Tod des legendären "Boandlkramers" Toni Berger ein gewagtes Unterfangen. Welt am Sonntag: Ist es wahr, daß Sie den "Brandner Kaspar" gar nicht machen wollten? Christian Stückl: Ich hatte lange keine Beziehung zu dem Stück. Das Stück hat Sie eingeholt? Stückl: Es hat sich praktisch aufgedrängt. Das ging los, als Dieter Dorn von den Kammerspielen ans Residenztheater ging und den "Brandner" nicht mehr machen wollte. Da kam am Resi die Idee auf: "Das Stück paßt doch zum Stückl rüber!" (Lacht.) Aber meinen Spielplan wollt' ich ganz gern selber machen ... Aber der "Brandner" paßt doch gut ins Volkstheater, zu den anderen bayerischen Stücken wie der "Geierwally" und dem "Räuber Kneißl"! Stückl: Na, aber er ist trotzdem etwas anderes, ganz Spezielles - mit seiner ewigen Tradition und den über 900 Aufführungen am Residenztheater. Gibt es da so etwas wie eine Angst vorm Mythos? Stückl: Angst nicht. Aber eine Herausforderung ist es, klar. Als ich den Text das erste Mal gelesen hab', in einem Münchner Wirtshaus, saßen vis-à-vis zwei 25jährige Buben. "Was lesen S' denn da", fragt mich der eine. "Den "Brandner Kaspar", hab' ich gesagt. Daraufhin hat er mir eine Viertelstunde lang Toni Berger nachgespielt. Ich selber kenn' mittlerweile bestimmt 30 Leute, die haben das Stück zehn Mal gesehen. Es ist so oft im Fernsehen gelaufen, so in den Köpfen der Münchner drin ... ... daß man nichts mehr besser machen kann? Stückl: Es gibt da eine Erwartungshaltung, die ist enorm. Außerdem besteht immer die Gefahr, daß man in den Kitsch abrutscht. Ist ja auch schön: die Vorstellung, daß es so etwas wie eine Versöhnung mit dem Tod gibt. Stückl: Ja, am Ende verbindet den Tod tatsächlich so etwas wie Freundschaft mit dem Brandner Kaspar. Gerade haben wir das Ende geprobt, wo es heißt, daß der Brandner ins Fegefeuer muß. Das ist eine Szene, in der der Tod fast heult, weil er den Brandner halt so gern mag, und wo er gar nichts Fürchterliches mehr hat. In Wirklichkeit ist der Tod wahllos und gemein, Stichwort: Tsunami, Stichwort: Terror. Stückl: ... und privat schieben wir ihn immer weiter weg! Als mein Großvater im Sterben lag und wir ihn aus dem Krankenhaus nach Hause geholt haben, haben die Ärzte gesagt: "Lassen Sie ihn doch da" - da ist mir aufgefallen, daß sogar die Ärzte den Tod verdrängen. Der Boandlkramer aber ist und bleibt ein Hit? Stückl: Ich glaube, es ist die Freude, daß es jemand schafft, den Tod zu überlisten. Ihn zumindest für eine Zeit beiseite zu schieben. Das mögen die Leute. Maxi Brückner, Ihr "Boandlkramer", ist mit 26 ziemlich jung. Ist das Absicht? Die Antithese zu Toni Berger? Stückl: Ich hab' schon vor dem Tod vom Toni Berger gesagt, daß ich auf jeden Fall einen jungen Schauspieler für die Rolle haben will. Einen, der gar nicht in die Gefahr kommt, wie ein Alter zu spielen, denn der Tod hat in meinen Augen etwas Starkes, Gewalttätiges. Sie haben schon die Passion in Oberammergau, den "Jedermann" in Salzburg inszeniert. Haben Sie eine Vorliebe für Moribundes? Stückl: Mein Weg zum Theater hat viel mit dem Passionsspiel zu tun. 1977 zum Beispiel hat einer einen alten Barocktext ausgegraben, da war alles drin: Himmel und Hölle, Tod und Teufel. Ich war hin und weg. Aber es ist mehr das Mysterienspiel, weniger der Tod, was mich fasziniert. Haben Sie Angst vorm Tod? Stückl: Wenn ich es mir überlege, hab' ich eigentlich mehr Angst vorm Sterben. Vorm Siechtum. Es heißt ja immer, daß wir das Leiden annehmen müssen. Aber ich weiß gar nicht, ob ich die Kraft dazu hab'. Eigentlich, denk' ich, würde ich mir das lieber ersparen. Hermann Weiß, Welt am Sonntag, 3. April 2005 ![]() Wo der Tod noch jung ist - Warum und wie Regisseur Christian Stückl den "Brandner Kaspar" am Volkstheater inszeniert Sehr
jung ist
dieser Boandlkramer, der auf der Bühne
herumspringt. Zwar ein wenig bleich um die Nase, aber mit wachen Augen.
Keck trägt er einen bunten Schal um den Hals, der die warmen
Farben des herumliegenden Herbstlaubs wiederholt. Sein Darsteller
Maximilian Brückner schüttelt wie ein Hardrocker das
schwarze, schüttere Langhaar seiner Perücke,
balanciert auf seinem Großzeh den verbeulten Zylinder des
Totenkostüms, grinst schelmisch. "Ganz
uneitel ist der Tod nicht",
betont er. Und Regisseur Christian Stückl klatscht begeistert
in die Hände: So soll er’s machen, wenn der
Boandlkramer allmählich trunken und "lallert" wird vom
Kerschngeist. Beide haben sichtlich Spaß bei der
Kostümprobe für das Volksstück "Der Brandner
Kaspar und das ewig’ Leben", das am Donnerstag, 7. April,
Premiere im Volkstheater haben wird.Der personifizierte Tod ist seit dem Spätmittelalter ein zentrales Thema in Europa. Krisen, Kriege, Seuchen und Siechtum rückten die menschliche Hinfälligkeit ins Zentrum des Bewusstseins. Besonders eindrucksvolle Formen des Memento-mori-Motivs entstanden im katholischen Bayern: der Sensenmann in Altötting, die Totentanzkapelle in Straubing, Franz Xaver Schönwerths oberpfälzische Märchen- und Sagensammlungen. Oder die theatralische Bußdramaturgie in der Asamkirche in der Sendlinger Straße in München: Im Dämmerlicht steht der Besucher umfangen von knöchernen Anspielungen auf Tod und Gericht; über einem Beichtstuhl erhebt sich die Simultanfigur des Cenodoxus aus Stuck, der angesichts seines eigenen Schicksals im Sarg erschaudert. Ein Schriftband zitiert Jacob Bidermanns predigthaftes Jesuitendrama: "Mors peccatorum pessima" - der Tod der Sünder ist besonders schrecklich. "Ja", bestätigt Stückl, "die Kirche wusste zu früheren Zeiten mit Showeffekten umzugehen. Diese Figuren funktionieren." Doch der Regisseur wehrt auch ab: "Es geht nun gar nicht ernsthaft um die letzten Dinge: Die Figur des Boandlkramers hat einen Auftrag, der misslingt, es folgt ein Anschiss." Das Stück drehe sich um Kartenspielen und Schnapstrinken, man müsse nicht "ganz tief hineingraben" in die Höhle mit den Lebenslichtlein, in die Tiefen menschlicher Existenz. Es reicht zurück auf die kurze "G’schicht vom Brandner Kaspar" des Münchner Universitätsprofessors Franz von Kobell, der als Begründer der bairischen Dialektdichtung im modernen Sinn gilt. Die Mundarterzählung wurde mehrfach für die Bühne und das Fernsehen dramatisiert, zuletzt 1974 von Kurt Wilhelm, Kobells Urgroßneffen. Der unlängst verstorbene Toni Berger ließ mehr als tausend Mal in fast 30 Jahren den Tod am Bayerischen Staatsschauspiel und auf Tourneen lebendig werden. Ohne Zweifel hat er das Bild vom Boandlkramer mit der brüchigen Stimme geprägt. Noch im Dezember 2003* konnte sich Stückl in einem Gespräch überhaupt nicht vorstellen, jenen "weiß-blauen Barockhimmel" über die karge Bühne des Volkstheaters zu hängen. Er wollte nicht ständig als der "katholischste unter den deutschsprachigen Regisseuren" oder der "Spezialist fürs Bajuwarentum" in eine folkloristische Ecke gestellt werden, "wo's Herzerl dann hupft". Brückner sollte den Mackie Messer in Brechts "Dreigroschenoper" spielen, doch gab es Schwierigkeiten, die Rechte zu bekommen. "Und wenn etwas in der Luft ist, kriegt man es nicht mehr los." Zwar verneinte Stückl vor anderthalb Jahren noch, den "Brandner Kaspar" inszenieren zu wollen, beschäftigte sich jedoch schon damals im Laufe des Gesprächs immer mehr damit: Auf jeden Fall müsse der Tod "radikal jung" gezeigt werden, fand er. Den Schlosser, Büchsenmacher und halblegalen Forstmeister sah er "übermütig und viel rebellischer als ein netter Opa". Im dritten Akt sollte man ihm "das ewige Leben ansehen können". Jetzt wird Alexander Duda die Hauptrolle verkörpern. Konkret soll er zeigen, "wo der Mensch in den Rausch hinein rutscht, wo er mit dem Tod spielt, wo er mit seinem Leben landet". So recht in der paulinischen Theologie verwurzelt, will sich Stückl "kein Bild vom Himmel machen". Die Idee des Stücks sei vielmehr die Frage, was den Brandner Kaspar auf Erden halte und was im Jenseits: "Dass es nie anders ist: Die selben Bazis! Die gleichen Hundskrippeln!", feixt Stückl, "auch den Preußen im Himmel gibt es schon auf Erden." Die Riederinger Musikanten werden als Putten Blasmusik schmettern, die Figur Nantwein soll wie eine Vorzimmerdame agieren. Aus Salzburg hat Stückl die Erfahrung mitgebracht, dass "Leute, die nicht an einen personifizierten Tod glauben, doch mit der Handlung mitgehen, weil sie doch alle betrifft". Dort hat er mit der Tradition gebrochen, den Darsteller in ein Skelettkostüm zu stecken. Jens Harzer spielte im "Jedermann" fast nackt, mit einer grau marmorierten Ganzkörperschminke, die ihn nur wenig von den steinernen Figuren am Dom abhob. Nur aus seinem Mund züngelte es blutig rot. Die Zuschauer nahmen seine Interpretation an, und darauf setzt Stückl wieder. Natürlich kennt er die Kritikerschelten, die Wilhelms Stück als "Semmelschmarrn" abtun. Doch ist dieses Gericht nicht nahrhaft und immer wieder mit neuen Beilagen spannend variierbar? Eva Maria Fischer, Süddeutsche Zeitung, 5. April 2005 ![]() Etwas Anständiges sollte er lernen. Und Maximilian Brückner wollte Medizin studieren. Stattdessen schickte ihn die Mutter zum Vorsprechen an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule. Nein, diese Geschichte ist nicht falsch herum erzählt, sie geht, entgegen allen Erwartungen, tatsächlich so. Wie kann das sein? "I woaß ned", lacht der blonde Kerl im grauen Strickjanker. "Ich hab daheim im Dorf im 'Zigeunerbauern' mitgespielt. Und das kam unheimlich gut an", sagt er mit seiner heiser-rauen Stimme, und sein Lausbubengesicht blickt unsicher drein, entkräftet jeden Verdacht auf Koketterie.
Brückner, Ältester von acht Geschwistern, wohnt inzwischen mit zwei Brüdern auf einem Hof in seiner Heimatgegend am Simssee. Dort war er als Bub im Trachtenverein, bei den Jungen Riederinger Musikanten, lernte Tuba und Schuhplattln. "Ich mag's, und ich steh dazu", erzählt er. Und während die schauspielernden Brüder jetzt beruflich andere Wege eingeschlagen haben - aber Florian Brückner tritt nebenher noch am Volkstheater im "Räuber Kneißl" auf - trifft er die kleinen Geschwister wieder in Salzburg beim "Jedermann": "Die haben da schon gespielt, bevor ich der Mammon sein durfte." Brückner resümiert: "Es ist bis jetzt gut gelaufen." Und ein wenig nachdenklich und irgendwie dankbar: "Es muss ja auch nicht immer Leiden sein. Und das Einzigartige hier am Volkstheater - das nehme ich gewiss mit." Man hat schon jetzt den verschmitzten Boandlkramer mit seiner sehr speziellen Auffassung himmlischen Waltens vor Augen ... Münchner Merkur, 5. April 2005 ![]()
Und ganz uneingeladen schaut a der Boandlkramer vorbei - und nimmt Brandners Enkelin, die Marei mit, indem er an Schuß vom Flori umlenkt ... weil irgendwie müssen die fehlenden 18 Jahre ja eingebracht werden ... -
- Pause - -
Photos:
Münchner Volkstheater, Arno Declair
![]() Für einen "Preußen", der bayerischen Mundart nicht mächtig, mit einem gespaltenen Verhältnis zu (volks-)tümelndem Theater a là Millowitsch oder Ohnsorg, konnte der Brandner Kaspar nur eine Herausforderung sein. Und da man als Kritiker möglichst objektiv sein möchte, schien es geraten, sich die kurze Novelle des Professors für Mineralogie Franz von Kobell anzuschauen. Ausgangs des 19. Jahrhundert verfasst, bündelt es Kobells ganzes Themenspektrum, bestehend aus Natur, Jagd, Liebe und alkoholischen Getränken. Die Geschichte ist einfach erzählt. Der Brandner Kaspar wird im zweiundsiebzigsten Lebensjahr vom Boandlkramer heimgesucht, der ihn abberufen will. Ein Preuße braucht da schon seine Zeit, um herauszufinden, dass es sich um einen Gebeinhändler, also um den personifizierten Tod handelt. Der Brandner, noch voller Saft und Kraft, verführt den grausigen Gesellen zu einem Trinkgelage und spielt mit gezinkten Karten um weitere 18 Lebensjahre. Doch bald schon muss er einsehen, dass der Handel nicht den versprochenen Gewinn bringt. Er sieht seine Nächsten nach und nach abtreten und bleibt allein zurück. Im Himmel wird die Geschichte ruchbar und der Boandlkramer erhält den Auftrag, den Brandner augenblicklich heimzuholen. Er beschwatzt den Brandner, doch einmal einen Blick ins Paradies zu werfen. Gesagt und getan entscheidet sich der Brandner stehenden Fußes für den Einzug in dasselbe. Der Tod hat seinen Schrecken verloren und das ist auch die ganze Botschaft der Geschichte. Intendant und Regisseur Christian Stückl gab denn auch vorab eine Einführung, in der er mehr von sich als vom Brandner sprach. Er ließ das begierigen Publikum wissen, wie er zu diesem Stück kam und konnte eigentlich keine rechte Antwort darauf geben. Es klang wie die Geschichte von der Jungfrau und vom Kind und so unwahr schien es nicht zu sein, denn kein bayerischer Volkstheaterintendant kommt an diesem Stück auf Dauer vorbei. Schon gar nicht, wenn das Haus in München steht, wo die Menschen unter einem Volkstheater gleichsam ein Mundarttheater verstehen. (Laut Statistik sollen es 80 Prozent sein.) 26 Jahre lief es bis vor kurzem im Residenztheater, zumeist ausverkauft. Alles das ist nicht sehr ermutigend für einen Kritiker, der aus "Preußen" stammt. So hieß es, sich vorbehaltlos und unvoreingenommen hinein zu begeben in das Abenteuer. Das Ergebnis war mehr als überraschend. Stückl hat die dramatische Vorlage von Kurt Wilhelm entschlackt und zeitgemäß aufgepeppt, ohne die Volksseele zu enttäuschen. Die daraus resultierende Dramaturgie kann als Gewinn für das Stück verbucht werden. Er nahm sogar einen Preußen in das Spiel auf und schuf damit die Möglichkeit zu aktuellen politischen Spitzen. Das ist echtes Volkstheater, siehe Shakespeare. Drei Stunden und zehn Minuten schlugen die Darsteller alle in den Bann, die Augen und Ohren hatten, denn Regisseur Stückl inszenierte nicht nur Schauspiel, sondern über weite Strecken hinweg schmissige Volksoper. Die Jungen Riederinger Musikanten, beim Kritiker seit der Inszenierung von "Geierwally" aktenkundig, ließen bayerisches Nationalgefühl hörbar werden. Derb ging es zu beim Saufen, Lieben, Tanzen und Sterben. Die drei atmosphärischen Bühnenbilder von Alu Walter ließen dabei nichts vermissen. Im dunklen Wald gerann die Jagd zur Farce, in der niedrigen Stube die Lebensfreude zum Fest und im Himmel bedarf es zur Glückseligkeit, wie sollte es anders sein, der Weißwurst und der Brezn. Auch Belzebub darf nicht fehlen, wider den tierischen Ernst. Alexander Dudas Brandner strotzt an der Schwelle zum Tod vor Lebensgier. Seine Wandlung zum gebrochenen Mann überzeugt ebenso wie das geradezu kindlich-freudige Erwachen im Elysium. Den Preußen Kai-Uwe von Ziethen gab Tobias von Dieken schmissig bis zum Schwachsinn doch keineswegs denunzierend. Man schaut halt nicht auf die anderen deutschen Volksstämme herab. Sein Auftritt vor dem Heiligen Portner, im Hochdeutschen nennt man ihn vorzugsweise Petrus, brachte ihn auch schon mal um die nötige Atemluft, was den Preußen glaubhaft machte, die Textverständlichkeit allerdings beeinträchtigte. Peter Mitterruntzer hingegen demonstrierte einen Habitus, der jedem Papst gut anstehen würde. Aus dem durchgehend gut bis sehr gut agierenden Ensemble, immerhin waren auch Laiendarsteller dabei, hob sich jedoch eine Leistung heraus, die des Boandlkramers. Zweifellos ist der Darsteller schon durch diese Rolle bevorzugt. Sie ist in ihrer Charakteristik vergleichbar mit der des Jagos oder des Mephistos. Doch sie will gefüllt sein. Wann immer in München der Name Brandner Kaspar fällt, wird ein zweiter sofort nachgereicht: Toni Berger. Maximilian Brückner hatte also gegen einen übermächtigen Geist anzuspielen, der noch immer umgeht in den Köpfen. Bei der Einführung durch den Intendanten kam beispielsweise heraus, dass mehr als neunzig Prozent der Anwesenden die Residenztheaterinszenierung kannten. Der sechsundzwanzigjährige Brückner hat diese Herausforderung mit Bravour gemeistert. Mit großem mimischem aber auch körperlichem Aufwand bis hin zum Slapstick machte er aus der jenseitigen Gestalt eine sehr menschliche Figur. Regisseur Stückl führte ihn mit kompetenter Hand durch alle Klippen, die dieser Rolle eigen sind. In keiner Szene uferte die Geschichte zur Klamotte aus und so war auch ein kritischer Preuße, der vom überreichen Wortwitz nicht alles verstand, am Ende absolut überzeugt von der Unternehmung, die ohne Zweifel etwas Identitätsstiftendes hat. Fast ist er ein wenig neidisch auf die Bayern, die er nach dieser Inszenierung wesentlich besser versteht. Und noch etwas, da wir vom Tod sprechen. Auch Toni Berger, Gott hab ihn selig, ist ersetzbar. Ich bin mir sicher, er sitzt da Droben und stimmt mir zu, wenn ich behaupte, diese Inszenierung könnte in Bayern Kultstatus erlangen. Wolf Banitzki, Theaterkritiken, 7. April 2005 ![]() Fetzen, tratzen, schuhplatteln: Der "Brandner Kaspar" als barocke Bauernpassion am Volkstheater Na also, na bitte, es geht doch! Man darf bloß keinen Respekt vor Münchens Kultstück Number One haben, muss es derb beim Krawattl packen und schütteln, dass die Motten rausfliegen, muss ihm die Stelzen wegschlagen und es auf genagelte Bauernstiefel stellen, schon wird ein echt komisches, saukomisches Theater draus. Der Stückl Christian hat Kurt Wilhelms rauschebärtige Bearbeitung des Brandner-Stoffs (die ihrerseits auf die Hörspielfassung von Josef Maria Lutz im Jahr 1955 zurückgeht) heimgeholt ins Volkstheater, und da hauen sie jetzt aufs Blech, dass es fetzt; tratzen und frotzeln, tuten und blasen, der Boandlkramer krächzt und der Saupreiß plattelt schuh, den halbnackerten Engerln im Himmel hängen Weißwurstzipfel aus den Hallelujamündern, und im Wirtshaus wird zwischen Maßkrügen gerauft. So muss es sein, so ist es gut. Statt goldigem Humor derber Witz, statt Kitsch das Gaudiklischee. Alles jubelt, alles lacht, wenn das Theater seine Späße macht, und sogar der ehedem griesgrämige Kritiker dieses Blattes wurde von schmutzigem Gelächter gebeutelt. Vor genau 30 Jahren, als der "Brandner Kaspar und das ewig’ Leben" im Residenztheater uraufgeführt wurde, geschrieben und inszeniert von Kurt Wilhelm, da war das eine große Staatsaktion auf einer Riesenbühne, worauf sich Almwiesen, Trachtenträger und gemalte Rehe verloren, und nicht minder verloren schwangen sich Pappmachésätze von Kostüm zu Kostüm: starres Biedermeier als Papiertheater; dann eine Bauernstube mit Altbauer und Boandlkramer beim Dischkurs übers Sterben und Leben, dazu Kirschgeiststamperl und endlich das barocke Himmelsbild mit lebenden Putten und gwampertem Petrus - ja, freilich waren die Schauspieler wunderbar, der Fritz Strassner, der Bayrhammer, Heino Hallhuber und all die tausend Mal der Toni Berger; aber was sie zu sagen hatten, war ein "aufgeblähter Schmarrn", fand der Kritiker (also ich), "eine hirschlederne Operette in Arrangements der ausklingenden Silberwaldepoche". Und als man ihn (also mich) 17 Jahre und 692 Aufführungen später abermals hineinschickte, nachzuschauen, ob die einst jugendbewegte Nach-68er-Rage inzwischen in die Heiterkeit beginnenden Alters vergeistigt sei und also das Kultstück einer ganzen Generation nun auch das verhärmte Rezensentenherz erreiche, da schauderte es abermals: "Ein Semmelschmarrn, sonst auf 64 Seiten an Kiosken käuflich. Reines Blech! Gewalztes Goldblech. Aber wunderbar gesprochen! Manchmal sogar gespielt, bloß dass es Kurt Wilhelms Regie mit Bewegung überhaupt nicht hat. Da wird irgendwie gruppiert und gestellt wie bei einem Maibaumfest: Man schaut, dass man nach vorn kommt, sobald man dran ist." Beim Stückl ist jeder vorn. Er bedient die Rampe, er spielt Parodie und Ernst, macht Bauerntheater und Bauernpassion, hat keine großen Schauspieler – aber die sind ganz groß in diesem Stück. Eine "hirschlederne Operette"? Dann sollen die Beinchen aber auch wippen und die Engerl sich wiegen, fast nackert im Speck ihrer Leiber; dann ist die Marei (Kathrin von Steinburg) aber gleich so herzig und trotzig, dass man perplex ist über die Grazie des Klischees. Dem preußischen Jagdgast (Tobias van Dieken) reißt es glatt Arme und Beine im Stakkato vom Leib bei "Preußens Gloria", und er singt und plattelt wie ein Veitstänzer. Nie haben die Jungen Riederinger Musikanten so fugendicht und erfrischend ins Konzept gepasst wie diesmal. Zwar spielten sie immer saugut, saßen aber bislang meist unmotiviert wie die sieben Zwerge in Stuben und Biergärten und griffen einfach zu ihren Trompeten, um den lahmenden Theatergaul hochzureißen. Diesmal aber sind sie Volk und Engel und Gaudiburschen in einem: putzmunter, unverschämt und spielgierig. Sie mischen auf, und der Laden explodiert. Wer hier Poesie vermisst, vergisst, dass sie im Stück nicht vorkommt. Den Brandner Kaspar spielt Alexander Duda, und damit hat er nun endlich (nach einigen weniger gelungenen Rollen) eine Traumrolle gefunden, die er mit bauernschlauer Bärbeißigkeit als Hallodri und alternder Sack in einem anrührend spielt: angeraute Stimme, Seehundsbart und dazu eine mächtige Lust am Derblecken. Wie er sein Kirschwasser schluckt, dann krebsig anläuft und es ihm die Batzlaugen raustreibt, bevor’s ihn bäuchlings übern Tisch wirft, hinein in den Hirnschlag - Angst könnt man kriegen. Solch ein Falott kriegt den Tod leicht rum mit ein paar Tricks. Obwohl Maximilian Brückner so gerissen wie abgerissen daherkommt: ein spilleriges Männchen, langhaarig unterm Fetzenzylinder und mit geschwärzten Zähnen (physiognomisch zwischen Wolfgang Neuss und Hallenmogul Nöth). Ein abgehalfterter Schlankel, zischelnd, giepernd, gliederschlenkernd. Wunderbar. An Wilhelms Text hat Stückl so viel gar nicht geändert; allerdings löste er die statischen Tableaus in Szenen auf, lässt nun spielen, was sonst bloß berichtet wird, schrieb einige Witzchen und Wortspiele dazu und strich dafür etliche historisierende Überflüssigkeiten. Rätselhaft allerdings, weshalb er ein Radiogerät ins Spiel bringt, obwohl das Stück nach wie vor mit Gulden rechnet. Wie auch Herbstlaub dicht den Stubenboden deckt, mitten im Frühjahr. Ingrid Jäger entwarf wunderschöne zeitrealistische Kostüme, und Alu Walters Bühne ist ein großartiger Wurf: eine fichtendunkle Waldfototapete, eine graugrüne Wirtsstube, die auch gleich als Kaspars Wohnung dient, und ein Himmelskontor, wie es halt nur in Bayern vorstellbar und andeutungsweise in barocken Kirchen eingebaut ist - als Hochaltar. Im Untergeschoss Kanzleigerümpel und raunzige Kontoristen, die geschwungne Freitreppe hinauf geht’s zur Himmelspforte, wovor ein kurfürstlich aufgeblasener Sankt Michael wacht, eine Allongeperücke bis auf die Brustwarzen; auf allen Schnörkeln, Säulen, Treppchen turnen und turteln in kecken Lendenschurzen die Riederinger Blasengel, als wär man in König Ludwigs Sauna. Aber wir sind im Volkstheater, und besser kann man’s nicht treffen. Michael Skasa, Süddeutsche Zeitung, 9. April 2005 ![]() Runder Erfolg: "Der Brandner
Kaspar" im Volkstheater
Kein Zweifel: Auch diese Aufführung hat das Zeug, Kult zu werden. Denn Christian Stückls Neuinszenierung des Volksstücks "Der Brandner Kaspar und das ewig' Leben" von Kurt Wilhelm und Franz von Kobell balanciert frech und sicher auf dem Grat zwischen Bauerntheater und Groteske, Rührstück und pfiffiger Parodie. Viel Szenenapplaus, nach drei Stunden Jubelstürme im Volkstheater. Auch der anwesende Autor Kurt Wilhelm bekam seinen Beifall. Jeder Vergleich mit Wilhelms eigener Inszenierung, die am Resi ein 25-Jahre-Dauerbrenner war, erübrigt sich. Regisseur Stückl zitiert viele Bayern-Klischees und bricht sie zugleich. Sein Trumpf dabei sind die fabelhaft spielfreudigen Jungen Riederinger Musikanten. Ob als Jäger, Wirtshausgäste oder Putten-Engerl - die neun sorgen nicht nur mit schräger Blasmusik für herzerfrischenden Witz. Und Stückl hat in dem 26-jährigen Maximilian Brückner einen hinreissend komödiantischen Gevatter Tod als Star des Abends. Barfuss, im zerschlissenen Frack und Zylinder, ist Brückners zahnluckerter Boandlkramer ein groteskes Gespenst: ein armer Teufel in der Himmels-Hierarchie, ein grell lachendes Rumpelstilzchen, wenn er dem irdischen Kirschgeist zuspricht. Ein Radio weckt seine Neugier; beim Kartenspiel fällt er aus trunkener Siegesgewissheit in erbarmenswürdiges Entsetzen. Er kann verführerisch bitten und spillerig tänzeln, verbrennt sich im Paradies komisch den Hintern an einer ungelöschten Zigarettenkippe, bettelt rührend um Gnade und will doch nur eine ehrliche Haut sein. Das Erdenleben des schlitzohrigen Brandner Kaspar (knorrig und naiv-verschmitzt: Alexander Duda), der mit seinem Falschspiel den Tod überlistet, und seiner Enkelin Marei (Kathrin von Steinburg) ist pralles, ironisch gebrochenes Volkstheater. Gejagt wird in einem vom Baumsterben befallenen Wald (Bühne: Alu Walter), gefeiert im engen, grauen Wirtshaus. Da singt und schuhplattelt ein Preussen-Baron (Tobias von Dieken) "Was kann der Sigismund dafür...", schwenkt der Brandner die harsche Tante Theres (Ursula Burkhart) wild herum, klammert sich der Bürgermeister (Wilfried Labmeier) bei seiner Rede am Geschenk-Fresskorb fest und legt sich der Jäger Simmerl (Markus Brandl) mit dem Wilderer Florian (Stefan Murr) an, der ihm die Gunst der reschen Marei streitig gemacht hat. Stückl verlegt deren Tod auf die Bühne: Marei stürzt nicht am Berg ab, sondern wird von einem versehentlichen Schuss ihres Liebsten getroffen. Und damit öffnen sich die himmlischen Gefilde: Szenenapplaus für den in Goldpracht erstrahlenden Barockaltar. Die Musikanten-Engel mit Flügelchen an Hosenträgern überm Lendenschurz (Kostüme: Ingrid Jäger), unter die sich auch das Teuferl Luzi mischt, machen Weisswurst-Brotzeit im Archiv-Chaos des heiligen Nantwein (Wilfried Labmeier). Oben wacht Erzengel Michael (Hubert Schmid) im Barockkostüm mit Allongeperücke und Schwert und flucht beleidigt, wenn der Portner Petrus (Peter Mitterrutzner) allzu nachsichtig ist. Hier werden Klischees vergnüglich bedient und demontiert, mischen sich Kitsch und Komik aufs Köstlichste. Gabriella Lorenz, Abendzeitung (Druckausgabe S. 19), 9. April 2005 ![]() Kommt ein Preuße in den Himmel. Stellen sich die Putten geschlossen vor die Tür und drücken von innen dagegen. Und sie haben ja Recht: Erstens haben die "Saupreißn" einen Himmel für sich. Und zweitens ist dieses spezielle Exemplar in Sachen Süderweiterung unterwegs: Will Potsdam an die Zugspitze und Neustrelitz an den Tegernsee verlegen. Der erste Schritt dahin führt über eine kleine Berghütte, die Urenkel Kai-Uwe eigentlich längst schon kaufen wollte. Die aber ist noch immer vom Vorgänger besetzt, der einfach nicht stirbt: Der Brandner Kasper hat eben seinen 75. gefeiert. Alexander Duda spielt den Brandner nicht als harmlosen Opi, sondern als agilen, alterslosen Burschen, der sich um Gesetz und Machtverhältnisse wenig schert. Um seine Enkelin Marei aber sehr wohl. Als die der Boandlkramer abholt, ist etwas in ihm in Stücke gebrochen. Toni Berger, der Boandlkramer des Staatsschauspiels bis zuletzt, ist vor kurzem 83-jährig gestorben. Seine verdruckste, fistelnde Personifikation des Todes hat selbst die härtesten Kritiker begeistert. Maximilian Brückner ("Männer wie wir") ist ihm ein würdiger Nachfolger und trotz vortrefflichstem Mundart-Mundwerk wohl auch nicht in Gefahr, in der Komödienstadel-Schublade zu enden. Brückner spielt einen erstaunlich jungen Tod ohne den platten Eros von Brad Pitt: zahnlückig, barfuß und zerrupft, ein aufgedrehtes Rumpelstilzchen mit wenigen schwarzen Strähnen auf dem Kopf - aber auch eine Spielernatur, verführbar und verführerisch: ein grausiger Schelm. Seine Fahrt auf der Totenkutsche, mit dem galoppierenden Pappmachépferd und der sanft ächzenden Bühnenmaschinerie, ist ein wunderbarer Budenzauber. Für ein weiteres fast-ewiges Bühnenleben sollte das reichen. Aus: Rauschgoldengel im Barockhimmel - Bayerischer geht's nimmer: In Münchner Volkstheater wird der Dauerbrenner "Brandner Kasper" neu aufgelegt. Sabine Leucht, taz, 9. April 2005 ![]() Rumpelstilzchen aus Riedering
München - Christian Stückl wusste haargenau, dass die Kritiker und sein Theaterpublikum dieses Mal sehr genau hinschauen würden - bei jenem Stück, das seit 1975 über 900mal in München aufgeführt wurde, mit dem großen Toni Berger als Boandlkramer. Könnte es eine Neuinszenierung dieses bayerischen Kultstoffs von Autor Kurt Wilhelm nur in etwa mit der Urfassung aufnehmen? Sie kann. Und wie. Stückls Ensemble zaubert ein dreistündiges Feuerwerk aus dem alten löchrigen Hut des neuen Boandlkramer (und Riederinger Musikant) Maximilian Brückner, der wie ein Irrwisch, wie Rumpelstilzchen, über die Bühne wirbelt. In Mimik, Gestik und Rollenverständnis - einfach grandios. Der Star eines höchst unterhaltsamen Abends. Hinter ihm brauchen sich die weiteren Mimen dieses Volks-Epos wahrlich nicht zu verstecken: Stückl treibt sie zu Höchstleistung an. Und wieder, wie schon bei der "Geierwally" und dem "Räuber Kneißl", dieses Mal noch dominanter, verleihen die Jungen Riederinger Musikanten der Inszenierung eine unverwechselbare Note aus Klamauk, Gaudi und Witz. Ob als Treiber, Bauern oder Engel in Lederhosen - sie spielen sich mit ihren Blasinstrumenten in einen Rausch. Nahtlos in die hervorragenden schauspielerischen Leistungen der Truppe fügt sich erneut eine Ammergau-Fraktion ein: Einmal Ursula Burkhart als geifernde Bäuerin Theres und dann - was für ein Anblick - der polternde fluchende Hubert Schmid als Erzengel Michael mit wallendem Haar und flauschigen Flügeln. Nicht zu vergessen die Brandner-Enkelin Marei, treffend und überzeugend umgesetzt von Kathrin von Steinburg, anno 1977 geboren in Oberammergau. Bühnenbild (Gaststube, Waldlichtung, Himmels-Vorhof), Kostüme und Musik (Mitarbeit: Markus Zwink) runden die absolut sehenswerte Inszenierung ab. Selbst "Brandner"-Autor Kurt Wilhelm schwärmte nach der Premiere: "Die können das fünf Jahre spielen, mindestens." Es muss ja nicht gleich wieder 30 Jahre sein. Ludwig Hutter, Münchner Merkur, 11. April 2005 ![]() Der Brandner Kaspar und das
ewig' Leben
Christian Stückl inszeniert am Münchner Volkstheater eine Neuauflage der bekannten Erzählung von Franz von Kobell. Was sollte ein jeder bis zu seinem Ende mit sich führen? Weder Herztropfen noch Testament, nein, einen Kerschgeist und ein Kartenspiel. Und schon wird er erhaben über alle trockenen Diskussionen vom Sinn und Unsinn lebensverlängernder Maßnahmen. Christian Stückl inszeniert am Münchner Volkstheater einen neuen "Brandner Kaspar", der mindestens ebenso viel Genuss bereitet wie sein Vorgänger am Residenztheater. Das Thema ist alt und wird vor allem im 19. Jahrhundert beliebt. Ludwig Bechstein (1801 - 1860) erzählt in einem Gedicht die Sage von einem Ritter, der mit dem Tod um sein Leben würfelt. Franz von Kobell (1803 - 1882) greift diese Sage in einer kurzen Erzählung auf und macht daraus "Die G'schicht vom Brandner Kaspar". Bereits 1934 setzt der Münchner Schriftsteller Josef Maria Lutz den Stoff szenisch um. Den größten Erfolg erzielte jedoch die Bühnenfassung von Kurt Wilhelm (*1923), die ab 1975 fast 900-mal am Münchner Residenztheater gespielt wurde und auch der Inszenierung am Volkstheater zugrunde liegt. Unvermittelt, fast während der Vorhang sich noch hebt, beginnt das Stück mit einer solchen Kraft und Lebensfreude, dass sich der Zuschauer kaum entziehen kann. Die Quelle dieser Lebensfreude liegt vor allem im Temperament der jungen Riederinger Musikanten, mit denen Stückl bereits in der "Geierwally" und im "Räuber Kneißl" zusammengearbeitet hat. Ob sie gleich zu Beginn den Jägerchor aus dem Freischütz blasen, vor und auf der Bühne ihre Gstanzln präsentieren, den Bayerischen Defiliermarsch spielen und als Wirtshausmusikanten auftreten, ob sie als aufgedrehte Engel mit Lendenschurz über die Bühnen turnen und Weihnachtslieder und Halleluja singen oder Preußens Gloria untermalen, stets akzentuieren sie das Geschehen mit ihrer unbeschränkten Lebenslust und hohen Musikalität. Unter den - wie üblich hervorragenden - Schauspielern erstaunt besonders Alexander Duda (Dr. Schöning in "Lulu"), der in aller Schalkhaftigkeit einen gereiften, fast ernsten Kaspar darstellt. Die große Überraschung jedoch ist der 26-jährige Maximilian Brückner, der einen so liebenswürdig ehrlichen und "frischen" Boandlkramer verkörpert, dass selbst Toni Berger applaudieren würde. Erheiternd ist auch Hubert Schmid als moralischer Erzengel Michael, wenn er unter heißem Kostüm aus barockem Pomp vor der Liberalitas Bavariae kapitulieren muss. Kathrin von Steinburg, neu am Volkstheater, kann als grazile Marei einen zarten Akzent gegen die kernige Männlichkeit ihres Umfelds setzen. Shakespeare hin und Büchner her, als Volksstück bleibt der Brandner erstklassig. Die Münchner und ihre Umgebung können froh darüber sein, dass es nun heißt: "Endlich wieder Brandner Kaspar!"
Saustall
im Bayernhimmel - In
München lebt der Brandner Kaspar vielleicht wieder ewig
Im Telefonbuch von Deutschland findet man 1349 Einträge für den Namen "Brandner", aber nur einen "Brandner, Kaspar", der wohnt in 83489 Strub. Im Telefonbuch von München indes gibt es 81 Brandners, davon kürzt sich einer mit "K." ab. In Bayern, so sagt man, gab es seit Menschengedenken nur einen einzigen wahren Brandner Kaspar, der wohnte bis Sommer 2001 etwa 26 Jahre lang im Stückerepertoire des Münchner Residenztheaters und bekam regelmäßig Besuch von 530 Zuschauern. Aber die Zeiten ändern sich, sogar in Bayern, und eines Tages, wie der abgespielte Held lang nimmer gesehen, doch längst nicht vergessen ward, da suchte sich der Bühnenkaspar eine neue Bleibe und zog mit Sack und Pack ins Münchner Volkstheater. Mit Sack und Pack? Nein. Wenn man genau hinsah, so trug er nichts als seinen Charme mit sich hinein. Da sitzt er nun allein am Stubentisch und schmunzelt sich einen in seine Maß. Er lebt, der Todesschuss des Boandlkramers hat ihn verfehlt. Auch fürs Theater ist er zum Glück wieder lebendig; Christian Stückl hat ihn so frisch und frei und laut und leis' und bunt und musikalisch inszeniert, dass die Wehmut es schwer hat mit der Mahnung an schöne alte Resi-Zeiten. Denn wer kann und will hier schon vergleichen? Wer dem verstorbenen Schauspieler Toni Berger den Boandlkramer vielleicht zu Recht als "Rolle seines Lebens" zuschreibt, der kommt nun nicht umhin, das Gleiche auch mit Maximilian Brückner zu tun ... obwohl dessen Leben erst zarte 26 Jährchen zählt. Sein Boandlkramer ist ebenso unnachahmlich, von großartiger Präzision und gleichzeitiger Leichtigkeit: Er kommt frierend mit dem Frost und geht beschwingt mit dem großen Wirtshausradio; er ist der liebenswerte Chaot, der plappernde Idiot, der lebenslustigste Tod, der einen bescheidenen Bückling macht, bevor er dem Menschen sein Alles nimmt; eine barfüßige Vogelscheuche mit einem strahlenden zahnlosen Lächeln, eine kalkweiße, aber grundehrliche Haut; ein staunender Junge und ein treuer Freund. Mit abgespreiztem kleinen Finger verfällt er erst ins Grübeln und danach dem Kerschgeist. Mit verschmitzt beschwipster Naivität nimmt er sich dann ausgerechnet den Brandner Kaspar, sein Opfer, zum Kumpel, verliert beim falschen Kartenspiel und schenkt dem Alten so zum geselligen Lebensabendbrot noch 18 Jahre. Kurz: Der Boandlkramer ist die falsche Besetzung für den Tod, und deswegen ist Maximilian Brückner die richtige Besetzung für den Boandlkramer. Regisseur Stückl setzt derweil die launenhafte Dynamik des Kurt Wilhelm-Stückes (nach der Erzählung von Franz von Kobell) gebührend in Szene. Er, der die Passion schon in Oberammergau gibt, bringt in München die Gaudi. Er zelebriert das Spiel seiner charmanten Hauptdarsteller, lässt ihnen Zeit, ihren Rollen ein unverwechselbares Profil zu geben. Dann wieder Tempo, Späßchen, Heiterkeit - der Tod bedroht und amüsiert das Leben, im Lachen lauert oft ein Stückchen Tragik und dem Ernst sitzt dann schon wieder der Schalk im Nacken. Alexander Duda braust auf in der verschmitzten, sinkt in sich zusammen in der rührenden Titelrolle, verleiht seinem Brandner Kaspar die trotzige Schnute eines dörflichen Urgesteins. Die munter aufspielenden Bläser sind die Jungen Riederinger Musikanten. Und waren sie zuvor noch eine wilde Jägersbrut im stilisierten düstren Wald, so hangeln sie sich nun als lendenschürzige Engelsputti vom goldenen Stuck vor Petrus' Pforte. Ja, der Bayernhimmel, da geht's dem theaterfrommen Stückl, seinem Bühnenbildner Alu Walter und der Kostümbildnerin Ingrid Jäger dann ein bisschen durch mit der fidelen Herrlichkeit. Und dem nun schon etwas lebensverdrossenen Brandner Kaspar, dem der Boandlkramer listig einen himmlischen Vorgeschmack gewährt, gehen die Augen über: Als hätt's ein Bruder Asam hingepinselt, türmen sich da Papyrus und Pastelltöne, und über allem wacht Hubert Schmid mit gar zu verkniffenen roten Lippen als weibisch wallender Erz-Michael. Nur den Saustall aus Suppe, Brezn, Bier und Weißwurscht, den hat's so im 18. Jahrhundert nicht gegeben. Doch das ist's eben auch: ein Brandnerkasperltheater mit barockem Überfluss in Deko und Späßeleien. Lang ist es nicht her, da schien eine Neuinszenierung der hohen bayerischen Nationalkomödie noch ebenso utopisch wie der Handel mit dem Tod. Doch der Stückl Christian und der Brandner Kaspar haben zweierlei gemein: Sie pfeifen mutig auf die Konvention und lachen sich im Nachhinein ins Fäustchen ... In Bayern, so sagt man, gibt es wieder einen Brandner Kaspar, der lebt seit April im Münchner Volkstheater und fühlt sich sauwohl herinnen. Teresa Grenzmann, Cult-Zeitung, 05/2005
Verwandlungskünstler:
Maximilian Brückner fesselt das
Theater- und Kinopublikum
Boandlkramer im Volkstheater Vor drei Jahren holte Intendant Christian Stückl den damals 23jährigen Schauspielschüler Maximilian Brückner ans Münchner Volkstheater und gab ihm kurze Zeit später die erste Hauptrolle als "Karl Moor" in seiner Inszenierung der "Räuber". Brückner bekam vor Aufregung eine Lungenentzündung, wie er sagt, hielt aber durch und brach sein Studium an der Falckenbergschule ab, um weiter spielen zu können. Seit 2005 ist Brückner als "Boandlkramer" in Stückls Neuinszenierung des "Brandner Kaspar" zu sehen. Ein junger Tod, verführbar und verführerisch und, wenn schon nicht im Stück, so doch auf der Bühne ein Gewinner. Mit seiner irrwitzigen Performance hat sich Brückner aus dem Schatten von Toni Berger gespielt, der mit dem Boandlkramer zur Legende wurde. Mammon im Jedermann Seit 1920 spielen sie in Salzburg den "Jedermann", ein moralisierendes Schauerstück vom Leben und Sterben des reichen Mannes. Doch nie war Mammon, der personifizierte Reichtum, so sexy wie heute: als Rokoko-Strichjunge mit Tanga und goldbepudertem Po, gespielt von Maximilian Brückner. Publikum und Kritik finden den Dämon aus München einfach "hinreißend". Nachwuchstalent des Deutschen Films 100 Schauspieler ließ Sherry Hormann casten, bis sie die Idealbesetzung für den schwulen Torwart einer Fußballmannschaft gefunden hatte. "Männer wie wir" von 2003, eine kleine Komödie über ein großes Tabu, war Maximilian Brückners Kino-Debüt. Seitdem geht es Schlag auf Schlag. In "Sophie Scholl" spielte er den Widerständler Willi Graf. Sein neuer Film "Allein", die schwierige Liebe eines Medizinstudenten zu einer Borderlinerin, ist derzeit in den Kinos zu sehen. Hermann Weiß, Die Welt, 14. August 2005 ![]() Riesentalent ohne
Allüren
Maxvorstadt - Irgendwo da oben meint es derzeit irgendeiner irgendwie verdammt gut mit Maximilian Brückner - findet jedenfalls der 27-Jährige, der seit fast einem Jahr als Boandlkramer im "Brandner Kaspar und das ewig Leben" am Münchner Volkstheater in der Brienner Straße vor ausverkauftem Haus spielt.
Der Druck vor der Premiere war
gewaltig, besonders für
Regisseur und Volkstheater-Intendant Christian Stückl und den
jungen Hupfer Brückner, den viele schon gnadenlos in den
großen Fußstapfen von Toni Berger versinken sahen.
Der im Januar 2005 verstorbene Volksschauspieler hat als "bayerischer
Tod" Theatergeschichte geschrieben.
"In ganz München hätten’s uns zerrissen, wenn das nicht geklappt hätte", glaubt Brückner. Doch Publikum und Kritik sind hingerissen von der berührenden wie saukomischen Inszenierung. Wenn der Applaus mal wieder gar nicht enden will, würde Brückner vor schierem Glück am liebsten in die Menge hopsen. Das hat er sich bisher zwar noch nicht getraut. Dafür startet er jenseits der Bühnenbretter zum großen Sprung. Seit Freitag ist es offiziell: Der gebürtige Chiemgauer ist der Nachfolger des saarländischen "Tatort"-Kommissars Palu und damit der bisher jüngste Fernsehermittler in Deutschlands beliebtester TV-Krimi-Reihe. Einmal im Jahr wird Brückner in Zukunft am Sonntagabend zu sehen sein. Drehbeginn für die erste Folge ist im Juni. Stolz wie Bolle ist er auch über die kürzliche Nachnominierung für die renommierteste deutsche Fernsehauszeichnung, den Grimme-Preis: als "Neuentdeckung des Jahres". Heute werden die Preisträger verkündet. "Ich glaube zwar nicht, dass ich gewinne. Schon die Nachnominierung ist doch toll. Ich steh’ ja erst am Anfang und kann noch so viel lernen", sagt Brückner bescheiden beim Gespräch im Theaterlokal "Volksgarten", und man glaubt es ihm gern. Noch vor ein paar Jahren habe ihn das Angebot für eine dieser Nachmittags-Gerichtsshows "echt gekränkt". Diese Zeiten sind vorbei. Anspruchsvolle Rollen und Auszeichnungen, etwa der Film-Preis 2006 des Deutschen Kritikerverbandes, trudeln derzeit nur so ins Haus, dass einem schwindlig werden könnte. Abzuheben droht Brückner aber nicht. "Eigentlich hab’ ich mehr Glück als Verstand", sagt er etwas kokett. Bei allem Talent: So ganz vom Himmel gefallen ist der Erfolg nicht. "Ich bin schon ehrgeizig", erzählt er. "Wenn andere in den Urlaub gefahren sind, habe ich gearbeitet. Und hab’ ich drei Tage frei, ist mir eh langweilig." Dann geht Brückner halt Ski fahren. Oder eben spielen. Allein im Januar war er dreimal zur besten Sendezeit im Fernsehen zu sehen: darunter in Dieter Wedels TV-Zweiteiler "Papa und Mama" oder in "Mozart - Ich hätte München Ehre gemacht". Sein Kino-Debüt gab er 2003 als schwuler Torwart in "Männer wie wir". Im fast oscargekrönten Film "Sophie Scholl - Die letzten Tage" war er Willi Graf. Gerade stand er als windiger Reporter für "Schwere Jungs", die wahre Geschichte über die ersten deutschen Olympia-Teilnehmer nach 1945, Bobfahrer aus Garmisch, vor der Kamera. Und im April ist er bei Wedel - ein "Geist". Nicht schlecht für einen, der sagt, dass er lange Zeit nichts mit Theaterstücken anfangen konnte, als Gymnasiast in Schülervorstellungen herumkasperte und sich an der Münchner Otto-Falckenberg-Schauspielschule mit den einzigen Dramen bewarb, die er damals kannte - vom Fernsehen: "Woyzeck" und "Viel Lärm um nichts". Den Blick für seine Begabung und die Idee mit der Schauspielschule hatte seine Mutter. Denn trotz seiner Auftritte im berühmten Riederinger Krippenspiel war Brückner nicht so theaterbegeistert. "Aber dann war ich infiziert." Doch intellektuelles Gedöns und hohles Kunstgefasel sind nicht sein Ding. Wie ihm die Spezialität des Volksgartens, die Ingwer-Limo, nicht geheuer ist, weil "g’sund", findet er die Theaterwelt und Showbranche oft überkandidelt. "Bei der Aufnahmeprüfung liefen einige Irre rum, mit Schwertern, Esoteriker - lauter Selbstdarsteller." Und mittendrin Maximilian, der bis dato Bairisch pur sprach und wenig übrig hatte für die Schönheit des Hochdeutschen, das er sich erst mühevoll antrainieren musste. Obwohl er zu seiner eigenen Verwunderung aufgenommen wurde an der Münchner Kaderschmiede für den Schauspielnachwuchs, hat er die Schule vorzeitig verlassen. Sein Diplom machte er sozusagen als eine der Hauptfiguren in Friedrich Schillers "Die Räuber", 2003 von Christian Stückl am Volkstheater inszeniert. Der Anfang dort war hart, gibt er offen zu. Heute sagt er: "Ich habe hier den Luxus, mit tollen Kollegen, mit meinen besten Freunden und Geschwistern Stücke zu spielen, die ich selber mit aussuchen darf." Seine zwei jüngeren Brüder sind Teil der "Jungen Riederinger Musikanten", die beim "Brandner Kasper" und "Räuber Kneißl" mit von der Partie sind. Dem Volkstheater wird er jedenfalls vorerst erhalten bleiben. Das nächste Projekt kann oder will er aber noch nicht verraten. An Stückl, den man als seinen Entdecker bezeichnen kann und in dessen Salzburger Jedermann-Inszenierung Brückner auch diesen Sommer wieder den Mammon spielt, schätzt er, "dass er die Barriere zum Publikum durchbrechen will. Das ist auch mein Antrieb." Stückl sei mittlerweile einer seiner besten Freunde. Dabei gehört Brückner nicht fest zum Volkstheater-Ensemble. Das gibt ihm die Freiheit, sich im Kino und Fernsehen in verschiedenen Rollen auszuprobieren. "Ich bin kein reines Theatertier, will möglichst viel Verschiedenes machen." Gern hässliche und abgründige Charaktere. Nicht festgelegt werden will er auf den blondgelockten Kindskopf und das sympathische bayerische Landei - was er im normalen Leben tatsächlich zu sein scheint. Er kann schon auch anders. Das Verkleiden und das Spiel mit der Maske liebt er jedenfalls schon lange. Ursprünglich wollte er Arzt werden, ist in fast jedem Porträt über Brückner zu lesen. Dabei habe ihn daran eigentlich mehr die Wirkung von Rolle und Kostüm fasziniert, wenn er ehrlich ist: als "Halbgott in Weiß." "Ich hab’ schon einen kleinen Dachschaden, aber einen netten - den braucht man als Schauspieler." Gleichzeitig verrückt und bodenständig sei er, meint Brückner. Und ist sich darüber im Klaren, dass es mit den ganzen Streicheleinheiten, die der Erfolg so mit sich bringt, schnell vorbei sein könnte. Seine Familie ist dem ältesten von acht Kindern deshalb das Wichtigste. Aus Riedering im Chiemgau, wo er aufgewachsen ist und mit seinen zwei jüngeren Brüdern in einem Bauernhaus wohnt, will er auf gar keinen Fall weg: "Das ist alles mein Netz und doppelter Boden." Und ob vor kurzem mit der "Sophie-Scholl"-Crew bei den Oscars, zu Dreharbeiten in Prag oder wahrscheinlich im September mit dem "Brandner Kasper" in Brasilien - ein Stück Heimat begleitet ihn stets: der wirklich charmante Zither-Klingelton seines Mobiltelefons. Daheim sei er auch nicht der umschwärmte Film-Fuzzi, erzählt er. Das will er auch nicht sein. "Einen Tag, nachdem ich bei der Berlinale auf dem roten Teppich gestanden bin, kam ich in Rosenheim nicht in die Disco. Solange das so ist, ist ja noch alles in Ordnung." Michaela Schmid, Münchner Wochenanzeiger, 14. März 2006 ![]() Ein Volksstück
als
Sterbehilfe
Auch in seiner aktuellen Neuauflage ist "Der Brandner Kaspar und das ewig' Leben" ein Dauerbrenner Einen ungewöhnlichen Erfolg feiert an diesem Samstag das Münchner Volkstheater: die 100. Aufführung der Komödie "Der Brandner Kaspar und das ewig´ Leben". Premiere war vor fast genau zwei Jahren. Volkstheater-Intendant Christian Stückl als Regisseur ist ein praller Theaterspaß gelungen, an dem in der köstlich ausgespielten Rolle des Boandlkramers wesentlichen Anteil der junge Maximilian Brückner hat, "Shooting Star 2007" bei der Berlinale und seit 2006 auch ARD-Tatort-Kommissar in Saarbrücken. Dass die Schmonzette nun auch im Münchner Volkstheater zum Hit geworden ist (in der Pause hört man Besucher erzählen, sie seien schon zum dritten oder vierten Mal in der Aufführung und würden demnächst noch Freunde dazu einladen), mag noch einen eigentümlichen Grund haben, über den Kurt Wilhelm bezüglich seines Residenztheater-Erfolgs berichtet hat. Immer wieder sei von einem "Trosteffekt" durch das Stück gesprochen worden. Das habe er anfänglich nicht ernst genommen, bis ihm Angehörige erzählten, dass ein Sterbender vom Brandner-Himmel geredet und dass ihm der Gedanke daran Trost und Hoffnung bedeutet habe. Oder: "Sein letzter Wunsch war, noch einmal den Brandner auf dem Fernseher anzuschauen. Danach ist er ruhig entschlafen." Kurt Wilhelms Resümee: Ein Märchen, eine Legende kann die Todesangst besänftigen und sich als Trost und wahre Sterbehilfe erweisen. Friedrich Kraft, Sonntagsblatt Bayern, Ausgabe 16/2007 vom 22. April 2007 ![]() Frohlocken und Hosianna
Münchner Volkstheater: "Wenn der Stückl sagt: Spring abi, dann springen sie." Sepp Staber, sozusagen der Vater der Jungen Riederinger, ist ganz Herr der Lage. Aus seinen Augen funkelt's. Eine Mass in der Hand, angelehnt an der Theke der Theaterkasse, hat er das muntere Treiben im Foyer fest im Blick. Längst schon haben die Riederinger München und sein Volkstheater erobert. Für Intendant Christian Stückl sind sie unverzichtbarer Bestandteil des Ensembles. Wenngleich sie alle im täglichen Leben ihrem "bürgerlichen" Beruf nachgehen. Die Riederinger, diese hinreißenden Plattler, Sänger, Spieler und Musiker, gehören einfach dazu. "Mia han Hundert" verkündet ihr Plakat, groß aufgehängt an der Fassade des Volksgartens. Und so passt das Jubiläum des Trachtenvereins perfekt zu dem des Volkstheaters: Am Samstag, den 21. April gab‘s die 100. Vorstellung von Christian Stückls Inszenierung "Der Brandner Kaspar und das ewig‘ Leben". Und das innerhalb von nur zwei Jahren. Respekt. Frohlocken und Hosianna. Der Stückl und seine Leut‘ haben den 550 Zuschauern den Himmel, den weiß-blauen natürlich, auf Erden beschert: mit dieser temperamentvollen Aufführung zwischen Gaudi und Melancholie. Und natürlich auch mit dem großen Fest danach. Freibier von Paulaner, Bierbänke im Foyer, sieben Blaskapellen. Eine Stimmung, wie man sie sich hier schöner nicht ausdenken kann. Ein Geben und Nehmen zwischen Bühne und Parkett. Das hochanimierte Publikum zeigte sich von seiner großzügigen Seite. Es bejubelte nicht nur Maximilian Brückners so abgründigen wie abgefeimten Boandlkramer; nicht nur Alexander Dudas deftigen und hinterkünftigen Brandner Kasper; nicht nur die Riederinger und das ganze himmlische Personal. Nein, Riesenbeifall auch für den einzigen Preußen für Tobias van Diekens virtuosen Kai Uwe von Zieten. Am Ende wurden sie alle gefeiert. Am meisten Christian Stückl, dieser Wundermann, der sich in einer improvisierten Rede bei allen Beteiligten bedankte; zuerst bei der Souffleuse Anna Münzer, "die seit hundert Vorstellungen unten sitzt und darauf wartet, dass irgend jemandem der Text nicht einfällt". Und er verspricht: "Die 1000. Vorstellung werden wir wohl nicht schaffen, aber vielleicht können wir Euch alle zur 200. wieder einladen." So lange werden die meisten nicht warten wollen. Denn unter den Zuschauern waren jene, die den "Brandner Kaspar" zum ersten Mal sahen, eindeutig in der Minderheit. Nicht wenige waren zum sechsten, siebten, achten Mal oder noch öfter in dieser Aufführung. Wie Siegfried Gerg aus Bad Tölz, der der Truppe sogar bis nach Brasilien nachreiste. Heuer aber hat das Volkstheater ihm etwas ganz Besonderes geboten: Es ließ seinen begeisterten Fan die Vorstellung hinter der Bühne miterleben. Ein Blick ins Paradies. Für die Theaterleute und ihre Besucher ein einziges großes Fest. Fazit: Kultur & Leben.
Spätschicht
Alexander Runte begleitet einen Abend den Inspizienten Danny Raeder und bekommt nicht nur einen Einblick in dessen Arbeit, sondern auch Kunstschnee auf den Kopf. 19:03 Uhr: Bevor es losgehen kann, muß Danny noch hoch hinaus: über eine Leiter klettert er in den Schnürboden oberhalb der Bühne und überprüft von dort die Technik und die Requisite. Doch bei der 109. "Brandner"-Aufführung paßt alles. Sogar die Baumstümpfe stehen diszipliniert an der richtigen Stelle. 19:33 Uhr: Ein kurzer Blick in den Zuschauerraum, dann gibt Danny das Signal: "Los geht's!" - mit dem letzten "Brandner Kaspar" vor der Sommerpause. Während die Jagdgesellschaft zur Musik der Riederinger über die Bühne stapft, tanzen Danny und die Techniker Hip-Hop-Schritte im Takt der Blasmusik. 20:05 Uhr: Im Textbuch blättert Danny eher beiläufig zu den Stellen, an denen er Schauspieler ausrufen, die Techniker zum Umbau herzitieren oder den Beleuchter anweisen muß: "Was das Stück betrifft, sind wir alle schon geschädigt, wir kennen es in- und auswendig", sagt er. Die Honorarabrechnungen für die Gastschauspieler kann er da auch noch parallel unterschreiben. Es bringt ihn noch nicht mal aus der Ruhe, daß es jetzt auf uns runterschneit - die Techniker testen nämlich den Kunstschnee auf unseren Köpfen aus. Herzlichen Dank auch. 21:16 Uhr: Der schönste Moment bei jedem "Brandner" ist für Danny die Pause, denn da bekommt er eine Weißwurst. Und weil er heute Geburtstag hat, gibt es noch einen kleinen Kuchen und ein Ständchen der Riederinger dazu. In den jugendfreien Stellen geht es, so viel darf man verraten, um Schnäpse, die unbedingt getrunken werden müssen. 21:20 Uhr: Die Schauspieler rotten sich um Danny und seine Monitore zusammen. Er steuert mit einem Joystick die Bühnenkamera über den Zuschauerraum und das eigene Publikum hinweg. Fazit: Heute sind nur wenige Trachtler da, die vielen hübschen Frauen machen das aber leicht wett. 22:52 Uhr: Donnernder Applaus und Dannys letzte Amtshandlungen: Zuerst koordiniert er den Schauspielerpulk beim Einzelapplaus, und dann, nach Ende der Vorstellung, ruft er sein Schlußwort ins Mikrofon: "Man sieht sich wieder!" - der nächste "Brandner" kommt bestimmt. Volksmund Nr. 2, 2007/08
![]() Den
Tod mit Kirschgeist
"lallert" machen - Den Tod mit Kirschgeist abfüllen
Panik im Himmel der Bayern. Ein Preuße will rein. Alle Engel - sehr neckische Engerl: halbnackt, nur mit Lederhosen und Flügeln bekleidet - stemmen sich mit Vehemenz gegen die Tür. Der Portner (Himmelspförtner Petrus), der gerade vom Weißwurst-Essen kommt, muss die Gemüter beruhigen: "Koa Angst, mir lassen s' scho net rei. Sonst wär's ja koa Paradies nimmer", und präpariert sein Personal dafür, dass es sich von den Redelawinen der Preußen nicht beeindrucken lässt: "Die Preußen sprechen ihren ganzen Denkvorgang mit. Der Bayer gibt nur's Ergebnis bekannt." Das Publikum im Münchner Volkstheater hat auf diese längst sprichwörtliche Pointe nur gewartet und jubelt. Christian Stückls "Der Brandner Kaspar und das ewig' Leben"-Inszenierung, die 2005 Premiere hatte und mittlerweile die hundertsechzigste ausverkaufte Aufführung verzeichnet, ist auf dem besten Weg zum Kultphänomen. Stückl hat eine kantigere, wildere, eigenwillige Version aus seiner Vorlage geschnitzt: der Dramatisierung des Brandner-Stoffes durch Kurt Wilhelm, die 1975 im Residenztheater uraufgeführt wurde und es zu phänomenalen eintausend Aufführungen brachte. Und das Volkstheater-Publikum geht begeistert mit. Von Anfang an wird mitgeklatscht, wenn die Riederinger Musikanten aufspielen, viele Zuschauer kennen die Text-Highlights auswendig, und so stellt sich die Vision ein, dass sich demnächst im Volkstheater Szenen abspielen werden wie einst bei der Rocky Horror Picture Show. Da werden dann im Zuschauerraum als Boanlkramer (der leibhaftige Tod) Maskierte sitzen, neben den Engeln, und jenen (die gestrenge Fraktion), die sich lieber als flammenschwertschwingender Erzengel Michael verkleiden, und die Stimmung wird beim Preußen-Bashing den Siedepunkt erreichen. Aus: Rainer Gansera, Süddeutsche Zeitung, 15. Oktober 2008 ![]()
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Trivia:
Der echte Hans Joachim von Zieten (1699-1786) war einer der berühmtesten Reitergeneräle der preußischen Geschichte und ein enger Vertrauter König Friedrichs des Großen. Sein Sohn starb allerdings kinderlos. 1949: Verfilmung von Josef von Báky unter dem Titel "Der Brandner Kaspar schaut ins Paradies" mit Carl Wery als Brandner und Paul Hörbiger als Tod. 1975: Ausstrahlung einer Aufzeichung der fürs Fernsehen bearbeiteten Inszenierung des Münchner Cuvilliéstheaters. Regie: Kurt Wilhelm, mit Fritz Strassner als Brandner und Toni Berger als Boandlkramer. Zahlreiche Wiederholungen. 2006: Am 1. November Ausstrahlung im BR der Aufzeichnung der Aufführung des Münchner Volkstheaters. Fernsehregie: Hans-Klaus Petsch. 2008: Filmversion von Joseph Vilsmaier unter dem Titel "Die Geschichte vom Brandner Kaspar" mit Franz-Xaver Kroetz als Brandner und Michael 'Bully' Herbig als Boanlkramer, u.a. mit Hans Schuler. Vilsmaier wollte eigentlich Maximilian Brückner als Boanlkramer engagieren, um sich dann doch für seinen Mieter zu entscheiden: "Ich hab an Michael Herbig ein Büro vermietet, und da hab ich gehört, dass er die Rolle gern hätte." Maxi allerdings sagte zum gleichen Thema, daß er den Film aufgrund des Drehtermins [Rosis "Räuber Kneissl"] nicht hätte machen können. 2009: Am 30. Januar sah Michael Herbig das 1. Mal die Volkstheater-Inszenierung, von Reihe 2 Platz 5 aus. Ich stand grad neben ihm, als ein Theaterbesucher ihn an diesem Abend danach fragte. 2010: - In der Vorstellung vom 26. Februar trug der Boandl eine neue Frisur mit Mittelscheitel, verkörperte erfolgeich einen blattabwerfenden Baum, und er hat ausserdem auch versehentlich(?) die Himmelstüre aus den Angeln gehoben, und konnte nur von den Engerln davon abgehalten werden sie mitzunehmen. - Als sich herausstellte, daß es nach April auch im Mai keinen "Brandner" geben würde, mußte das Volkstheater Sicherheitspersonal engagieren, weil enttäuschte Interessenten dem Kassenpersonal gegenüber handgreiflich werden wollten. Juli 2010 war der dritte Monat seit der Premiere im April 2005 ohne "Brandner". - Die letzte "Brandner"-Vorstellung der Saison 2009/10 am 19. Juni war die letzte für Florian 'Flocki' Brückner. - Oktober war erst der vierte "Brandner"-lose Monat seit der Premiere. 2011: - Von Januar bis zum 16. Oktober spielte Susanne Brückner die Marei, wegen der Schwangerschaft von Kathrin von Steinburg. - Im November und Dezember gibt es keine "Brandner"-Vorstellungen, wegen der Knie-OP von Maxi Brückner. 2012: im Januar gibt es immer noch keinen "Brandner". 2009/10: Inszenierung von "Alkestis" nach Euripides von Raoul Schrott. Regie: Dieter Dorn, Bühne und Kostüme: Jürgen Rose. Münchner Residenztheater. Das Stück beginnt mit dem Erscheinen des Totengottes Thanatos, der im Gegensatz zu den anderen griechischen Göttern nicht viel Wert auf sein Aussehen verschwendet. Und wie uns der Dramaturg bei der Einführung zum Stück erklärte, begann damit das Problem dieser Inszenierung, denn so sieht ja der bayerische Boandlkramer aus, und zur Zeit ist der ja bekanntlich beim Stückl am Volkstheater unter Vertrag. [Wissendes Lachen bei der Hälfte der Anwesenden - die hat der Boandl also schon verführt]. Wie ihn also hier zeigen? Also schwebt Thanatos nun ganz in schwarz mit strähningen schwarzen Haaren auf zerschlissenen schwarzen Flügeln aus der Hinterbühne ein und landet auf dem Dach des Hauses von Alkestis und Admetos.
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