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Christian
Stückl und das Münchner Volkstheater
Christian
Stückl, geboren am 15. November 1961 in
Oberammergau als Sohn einer Gastwirtsfamilie,
gelernter Holzbildhauer und seit seiner Kindheit Theaterbesessen, war
Assistent von Dieter Dorn an den Münchner Kammerspielen, dann
Regisseur an diversen deutschsprachigen Theater- und
Opernbühnen (u.a. in Frankfurt, Hannover, Köln, Wien, Salzburg) bevor er
zur Spielzeit 2002/03 regieführender
Intendant des Münchner Volkstheaters wurde. 2006 inszenierte
er die Eröffnungsfeier der Fußballweltmeisterschaft in
München in der Allianz-Arena (für die Choreographie
des Schuhplattlers nach der Melodie des Max-Glaner-Marsches zeichnen
Josef und Franz Staber und Dominikus Brückner von den Jungen Riederinger Musikanten
verantwortlich, die auf einem überdimensionalen Heuwagen
sitzend die Arena beschallten), und nach 1990 und 2000 war er 2010 zum dritten
Mal Spielleiter der Passionsspiele von Oberammergau.
Nach der dritten Vorstellung übernahm er ab Februar 2011
für einige Vorstellungen die Hauptrolle des 'Peachum' in seiner Neuinszenierung von Brechts
"Dreigroschenoper", weil sich der eigentliche Darsteller eine Kehlkopfentzündung zugezogen hatte. Und er war wunderbar. Seinen Vertrag als Intendant hat er vorzeitig auch gleich bis
2015 verlängert. Im Juli 2011 wurde ihm dann der längst überfällige Bayerische Verdienstorden verliehen.
Aus ihm dampft und raucht es, er ist ein
schnaubendes Theatertier, sagte Münchens
Kulturreferent Hans-Georg Küppers über
Stückl bei der Feier zum 25-jährigen
Jubiläum des Volkstheaters am 4. Oktober 2008. Er
habe ein untrügliches Gespür für Talente
und Rohdiamanten, sagte Küppers. Kaum
spielten sich die jungen Talente in Stückls Ensemble ein, werden
sie von den Großen der Branche weggeschnappt.
Stückl über Stückl:
Und ein weiteres Mal werden Peter
Simonischek und
ich im "Jedermann" in Salzburg versuchen, den letzten Dingen des Lebens
auf die Spur zu kommen. Vielleicht findet die aber nur der "Brandner
Kaspar" im Volkstheater ... Irgendwie bin ich eben doch der Fachmann
fürs Katholische.
Aus: Volksmund, Spielzeit 2007/08 |
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Stückl
über Brittte Hobmeier (von 2002 bis 2005 am
Volkstheater):
I woaß no de Brigitte Hobmeier. De
hat sich vorm Vorsprechen beim Bäcker eine Quarktasche kaft. Und
de kam auf die Bühne und wie die de Quarktaschen gessen hat,
da hob i dacht "De muaß i hobn. De ist so guat, des war
wirklich wunderbar." Oiso, des was sie gagt hat, des woaß i
gar nimmer ganz genau, was die Texte da drunter waren. Aber alloa wie
die die gessen hot, des komma ned bechreiben. Da war alles drinna. Wir
sassen im Zuschauerraum, die hat uns mit der Quarktasche ang'macht. De
hat uns zeigt mit der Quarktasche, daß wir ihr ziemlich an
Buckl runterrutschen können. Alles war drinna, alles war in
der Quarktasche drinna. |
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Und
über Maximilian Brückner (seit 2002 Gast am
Volkstheater):
Und des is aber ah so. Mei, da Maxi
Brückner, der Tatortkommissar und bei uns spuit er an
Boandlkramer. Des is manchmoi so, der steht auf der Bühne und
schaugt di o und sogt fünf Sätze und da warn a drei
foische dabei, aber die zwoa warn richtig und de warn b'sonders guat.
Und dann host scho wieda oan gfunden. Und i hob total Lust g'habt mit
eahm zu arbeiten.
Aus: Mensch Theile, BR3, 29. Mai 2009 |
Stückl
über die Jungen Riederinger Musikanten (seit
2002 Gäste am Volkstheater):
Das erste Mal habe ich mit ihnen bei der
Geierwally zusammengearbeitet.
Die Initiative ist allerdings von den Riederingern ausgegangen, nicht
von mir, sie haben mir gezeigt, wie anders - als ich es gewohnt war,
man Volksmusik verwenden kann. Für mich war Bauerntheater,
garniert mit Volksmusik, wenig interessant. Der Brückner Maxi
- er war damals schon auf der Schauspielschule - hat mich nach
Riedering zu seiner Produktion von Magdalena mitgenommen. Da waren
lauter junge Leut' auf der Bühne, Schauspielerinnen und
Schauspieler und Musikanten. Und das Krippenspiel vom Seppi Staber hab
ich mir auch angeschaut und war begeistert vom Spiel der Laien. Dabei
ist mir aufgefallen, wie Spielen und Musizieren
zusammengehören können. Und ich hab mir gesagt: "Mit
denen mach ich auch in München was!" Bei uns am
Volkstheater muß jeder Musikant auch schauspielern können. Das
tun die Riederinger in unnachahmlicher Weise - hier in München
schaun sich auch viele Leute den Brandner Kaspar wegen den Riederingern an. Und es macht mir
einen Riesenspaß mit ihnen zu arbeiten. Des war, glab i so a
bissl Liebe auf den ersten Blick.
Aus: Sänger & Musikanten,
1/2010 |
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Der Weltdorf-Theatermacher
Christian Stückl hat vui zvui Gfui - aber das
Münchner Volkstheater hat er damit aus der Nische und in die
weite Welt geführt
Christian Stückl ist ein sehr intensiver Mensch, das merkt man
schon an der Art, wie er raucht. Er zieht nicht nur an der Zigarette,
er saugt daran, manchmal mit einem so zischenden
Inhalationsgeräusch, daß man den Lungenzug
hört. Ungefähr so muß man sich den
bayerischen Lockenkopf auch als Theaterleiter und Regisseur vorstellen:
gierig alles auf- und in sich hineinsaugend, brennend, hingebungsvoll,
unbedingt. Der Kettenraucher Stückl ist einer, der so
arbeitet, wie er lebt: auf Lunge. Gesund ist das nicht, es hat ihn im
letzten Jahr sogar die Galle gekostet, aber was ist in diesem Leben
schon gesund? Das Theater ganz sicher nicht, weil das per se schon ein
Virus ist.
Mit den Riederingern auf der Bayern-Schiene
Die Markierung, die "Radikal jung" auf der einen Seite des Spektrums
setzt, bildet auf der anderen "Der Brandner Kaspar und das ewig'
Leben", Kurt Wilhelms Kultstück vom Nicht-Sterben-Wollen eines
bayerischen Schlitzohrs, das den Tod glaslweise mit Kerschgeist (vulgo
Schnaps) abfüllt und ihm beim Kartenspiel 18 satte Lebensjahre
abluchst, um am Ende doch noch ins katholische Bajuwaren-Paradies zu
gelangen. Eine Art bayerischer "Jedermann". 25 Jahre lang stand er seit
1975 in Kurt Wilhelms Ur-Inszenierung am Bayerischen Staatsschauspiel
auf dem Programm. In Stückls Neuinszenierung von 2005
erscheint er frischer, grüabiger und kultiger denn je, und wer
bis jetzt kein Fan von ihm war, muss schon ein steinhartes
Preußenherz haben, um nicht endgültig dazu bekehrt
zu werden. Die Aufführung mit Alexander Duda in der Titelrolle
und dem jungen Maximilian Brückner als Boandlkramer
(hochdeutsch: Tod) ist am Volkstheater der absolute Publikumsrenner.
Sämtliche Vorstellungen sind immer schon am ersten
Vorverkaufstag für den nächsten Monat ausverkauft.
Die Leute kommen aus dem Chiemgau und mit Bussen aus ganz Oberbayern
angereist, gerne im Dirndl und im Lederhosen-Look.
Stückl gelingt genau die richtige Balance zwischen handfestem
Komödienstadel und einer satirisch grell belichteten
Gaudiburschen-Revue, zwischen krachertem Bauern- und barockem
Welttheater. Die Waldszenen spielen vor einer fotorealistischen
Baumstammkulisse, die Sauf- und Raufszenen in einer graugrünen
Bauernstubenschachtel, die auch des Brandners Wohnstube ist, und das
Entree zum Paradies ist auf Alu Walters herrlicher Bühne ein
mit allerhand Kirchen- und Aktenkrempel vollgestopfter Hochaltar, an
dem eine geschwungene Freitreppe hinauf zur Himmelspforte
führt. Die Schauspieler, am Volkstheater oft von schwankender
Qualität, sind im "Brandner" alle gut, und dass hier
die Riederinger Musikanten in knappen Lendenschurzen als halbnackerte
Engel posieren, sich dabei als rotzfreche Bengel gerieren und nicht
zuletzt einen Schwulenhimmel zitieren, ist ein göttlicher
Coup. Noch nie waren sie so saukomisch wie hier, wo ihnen die
Weißwürste ("sausicios albos")
schon mal im Mund stecken bleiben. Wie Stückl die fidelen Musikanten als Figuren
integriert und all die Jäger, Wilderer und Preußen
in Gruppen arrangiert, ist große Operette - das kann er
einfach, nicht umsonst ist er Passions-Regisseur.
Geplant war dieser Erfolg nicht. Dass Stückl den "Brandner
Kaspar" überhaupt inszeniert hat und 2003 auch schon die von
Martin Sperr dramatisierte Geschichte vom "Räuber
Kneißl" und in seiner ersten Spielzeit, gleich nach
Shakespeare's
"Titus Andronicus", den Bayern-Klassiker "Die Geierwally" von
Wilhelmine von Hillern, liegt an einer Truppe junger bayerischer
Volksmusiker, die Stückl 2001 in Riedering, Landkreis
Rosenheim, kennenlernte. Maximilian Brückner, damals noch
Schauspielstudent, hatte seinen Sommerkurs-Dozenten Stückl in
sein Heimatstädtchen mitgenommen, wo er mit seinen Leuten ein
Stück von Ludwig Thoma aufführte. Damals sah
Stückl sie zum ersten Mal: einen Haufen Burschen samt ein paar
Madln mit Posaunen, Flügelhörnern und Trompeten,
allesamt großartige Volksmusik-Talente, als
Kinderblasmusikensemble aufgebaut vom Staber Josef Anfang der neunziger
Jahre - eine Eigeninitiative dreier Riederinger Familien, darunter die
vom Brückner Maxi und seinen sieben Geschwistern. Wie lustvoll
die aufgespielt haben! "Mit so hinpappte Hoor!"
Stückl blitzt noch heute die Begeisterung aus den Augen, wenn
er von dieser ersten Begegnung erzählt. Damals habe er sich
gedacht: "Wos is'n des für a Bande? Die muss i hom!"
Einen Teil der Truppe, die ganz Jungen, hat er 2002 gleich in seinen
"Jedermann" bei den Salzburger Festspielen integriert. Und am
Volkstheater baute er den jungen Blasmusikanten zuliebe dann doch eine
klassische Bayern-Schiene ins Programm, angefangen mit der
"Geierwally", die Stückl sozusagen um die Riederinger als
musizierendes Stammtischvolk heruminszenierte - mit einer fulminanten
Brigitte Hobmeier im Zentrum, die damals in ihrer ersten
großen Rolle glänzte: nicht als zünftiges
Dirndl von der Alm, sondern als eiskalte Domina am
Rande des Abgrunds.
Trendsetter Volkstheater oder: das Kerschgeist-Wunder
Die "Geierwally" war ein Riesenerfolg, die bisher zweitbest besuchte
Aufführung der Stückl-Intendanz, getoppt nur vom
"Brandner Kaspar". Davon beflügelt, setzte Stückl
beim "Räuber Kneißl" auf dasselbe Rezept:
Blasmusikeinlagen der Riederinger und im Zentrum eine
legendäre bayerische Figur, der Volksheld Mathias
Kneißl, der schon zu Lebzeiten als 'bayerischer Robin Hood'
gefeiert wurde. Maximilian Brückner spielte ihn so
überzeugend als einen armen Hund, der aus reiner Not zum
Räuber wird, dass er diese Rolle jetzt gleich noch mal
übernimmt: in der Verfilmung des Stoffes durch den Regisseur
Marcus H. Rosenmüller ("Wer früher stirbt, ist
länger tot"). Das Bayerische ist derzeit ja schwer im Kommen,
und so wundert es nicht, dass Joseph Vilsmaier gerade den "Brandner
Kaspar" fürs Kino verfilmt - mit Franz Xaver Kroetz in der
Titelrolle und Michael 'Bully' Herbig als Boandlkramer. Da sage noch
einer, Christian Stückl setze
mit seinem Volkstheater keine Trends!
Die Begeisterung, die die Aufführung jedes Mal
auslöst, hat ob des respektlosen Umgangs mit Glauben und
Religion eines Abends auch Dionino Colaneri erfasst, den Rio-Chef der
brasilianischen Kultur- und Volksbildungsorganisation Sesc, der
daraufhin beschloss, die Inszenierung nach Rio de Janeiro einzuladen.
Anfangs hat niemand daran geglaubt, doch im November 2006 gastierte der
"Brandner Kaspar" tatsächlich in der brasilianischen
Millionenstadt: in Original-Bairisch mit portugiesischer
Übertitelung. Der Text wurde zuvor eigens ins Hochdeutsche
übertragen, um ihn von dort in die Landessprache zu
übersetzen. Der Film "Bayernhimmel überm Zuckerhut -
Der Brandner Kaspar in Rio", den Petra Wiegers für das
Bayerische Fernsehen gedreht hat, dokumentiert sehr schön die
Kuriosität und den Erfolg dieser Unternehmung. Da sieht man
die Riederinger Musikanten mit ihren Blechinstrumenten in Lederhosen an
der Copacabana und schuhplattelnd auf dem
Zuckerhut. Dass der "Brandner" weit jenseits des
Weißwurstäquators in Rio funktioniert, ist entweder
ein großes Kerschgeist-Wunder oder aber der
letztgültige Beweis dafür, dass das Bajuwarentum
Stücklscher Prägung ein völkerverbindendes
Exportgut der Lebensfreude ist.
In seinem nächsten Projekt mit den Riederingern will
Stückl das Bayerische nun aber wirklich nicht mehr bedienen,
sondern sich in einer Textcollage rund um Siegfried und andere Helden
in die deutsche Sagenwelt begeben. Aber es wäre ja wohl
gelacht, wenn nicht auch in Siegfried ein waschechter Oberbayer
steckte.
aus: Theater Heute, Januar 2008
Geworden ist es dann aber Henrik Ibsen's "Peer Gynt", in der beinahe
hochdeutschen Textbearbeitung von Christian Stückl und Maximilian Brückner.
Norwegen liegt halt doch irgendwie in der Nähe von Riedering ... Premiere war
am 25. März 2008.
Bühne des Volkstheaters am 'Tag der
offenen Tür' am 4. Juli 2009. Beleuchtung eingerichtet
für den "Brandner
Kaspar" am nächsten Abend.
Anklicken zum Vergrössern. Photos: EFi
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